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Freitag, 22. Mai 2015

7 Fakten über Lektoren

(Auszug aus "Die Self-Publisher-Bibel" von Matthias Matting) 

"Der Lektor ist nicht Ihr Freund. Und das ist gut so. Freunden fällt es schwer, Ihnen in aller gebotenen Deutlichkeit zu sagen, dass der von Ihnen produzierte Buchstabensalat die Bezeichnung Text noch nicht verdient hat. Wenn Sie den Anspruch haben, ein guter Autor zu werden, brauchen Sie diese Ehrlichkeit.

Lektoren lieben Sprache. Deshalb haben sie oft Germanistik studiert. Und selbst wenn nicht, haben sie zumindest einmal mit dem Gedanken gespielt, selbst als Autor aufzutreten. Die meisten Lektorinnen und Lektoren, die ich kenne, sind diesem Drang bereits nachgekommen. Die Liebe zur Sprache bedingt aber auch, dass grobe Fehler ihnen körperliche Schmerzen bereiten können. Keine Lektorin wird deshalb etwas dagegen haben, wenn Sie Ihr Manuskript bereits vorab von den schlimmsten Sprachverbrechen befreien.

Lektorinnen gehören zu den am schlechtesten bezahlten Akademikerinnen (ihren männlichen Kollegen geht es selten besser). Es mag für Sie als Autor wie eine riesige Summe erscheinen: 1500 Euro für ein Lektorat? Bedenken Sie, dass darin meist mindestens zwei Wochen Arbeit stecken. Ihr Manuskript wird in mehreren Durchgängen entflöht. Und von Ihrem Honorar müssen die in der Regel frei arbeitenden Lektoren auch noch Sozialversicherung und Steuern abführen.

Lektoren haben nur einen 24-Stunden-Tag. Auch wenn Ihr Manuskript unbedingt übermorgen veröffentlicht sein muss, kann keine Textarbeiterin Wunder vollbringen. Wenn Sie sich nicht rechtzeitig angemeldet haben, müssen Sie womöglich noch Wochen warten, bis Ihr Werk überhaupt an der Reihe ist. Gerade die guten, erfahrenen Kollegen werden gern weiterempfohlen, und es ist ein Glücksfall, wenn sie sofort mit einem neuen Projekt starten können.

Lektorinnen sind fast immer auch psychologisch begabt. Wenn Sie von vornherein klären, wie Sie sich die Zusammenarbeit vorstellen, geht Ihr Lektor bereitwillig darauf ein. Sie als Autorin oder Autor kennen sich doch selbst am besten: Brauchen Sie es auf die harte Tour? Oder sind Sie ein Mimöschen, das vor jedem Fehler etwas Positives über seine Arbeit hören will? Formulieren Sie Ihre Wünsche vorab, dann brauchen Sie keine Angst vor dem ersten Manuskript-Durchlauf zu haben.

Lektoren sind nicht eitel. Wer nicht pragmatisch an diesen Job herangehen kann, hat auf Dauer daran keine Freude. Sie haben als Autor immer das letzte Wort, und Lektorinnen werden ihnen selten übelnehmen, wenn Sie Ratschlägen und Korrektur-Empfehlungen nicht folgen. Ob Ihre Leser ebenso denken, werden Sie ja dann sehen. Wäre ich Lektor, ich würde ja zumindest eine heimliche Schadenfreude empfinden, flöge ein von mir betreuter Autor wegen Ignoranz meiner Tipps vor seinen Lesern auf die Nase …

Lektoren sind Alleswisser. Und wenn sie etwas nicht wissen, dann kennen sie zumindest jemanden, den sie fragen können. Lektoren gäben (wie Journalisten) sicher gute Telefon-Joker für Günter Jauch ab. Vor allem aber können sie Fragen stellen, auf die Sie als Autor gar nicht gekommen wären: “Wenn eine Frau in einem langen Rock die Beine übereinander schlägt, fällt der Stoff dann wirklich so in Falten, wie Sie es im Text beschrieben haben?​” Bereiten Sie sich also darauf vor, den Inhalt Ihres Romans auch einmal aus ungewohnter Perspektive zu betrachten. Das Ergebnis ist ein Text, der allen Leserinnen und Lesern gewachsen ist."